Die Schweizer Regisseurin und Schauspielerin Aurelia Burkhardt lebt seit 22 Jahren in Wien und verfolgt die Schweizer Debatte um Europa und Migration mit einem Aussenblick. Diesen Sommer ist sie mit ihrem Team nach Bern und Thun gereist, um «Casa dov‘è?» zu drehen - einen Kurzfilm, der sich um die Frage nach dem richtigen Zuhause dreht, um Heimat, das Leben… und Spaghetti.

Aurelia, was hat Dich dazu veranlasst, für stark+vernetzt einen Kurzfilm zu drehen?

In schwierigen Zeiten ist immer Zivilcourage gefragt. stark+vernetzt bietet die Möglichkeit, sich an der Debatte um Migration zu beteiligen. Das Medium Film hat eine erzählerische Kraft, die ich gerne für solche Initiativen einsetze.

Was war die schönste Überraschung während der Dreharbeiten?

Die grosse Frage des Films: «Wo ist Zuhause?» war ein Risiko. Du kannst niemandem Antworten in den Mund legen. Bekommst Du dazu spannendes Material? Es hat funktioniert!

…und die grösste Schwierigkeit?

Mein Hauptdarsteller ist vier Tage vor Drehbeginn abgesprungen. Beim «Krisenkaffee» mit meinem Kameramann in Bern entdeckte ich alle Nebendarsteller... und fand danach beschwingt den neuen Hauptdarsteller, Basilio Caruso, mit seiner unglaublich authentischen, unaufgeregten Art.

Der Titel Deines Films ist eine Frage: «Casa dov'è?», wo ist mein Zuhause. Bekommen die Zuschauer eine Antwort?

Nein, die Zuschauer bekommen hierzu keine allgemeingültige Antwort, aber schon Denkanstösse.

Die Dreharbeiten fanden im Juli in Bern und Thun statt. Wie einfach war es, Menschen zu diesem Thema vor die Kamera zu bekommen?

Nach der Umbesetzung war es war sehr einfach. Die Menschen wollten sich sehr spontan zu dem Thema äussern.

Im Film geht es um Italiener und ihre Integration in der Schweiz. Welchen Bezug hast Du zu den «Italo-Schweizern»?

Meine Grosseltern mütterlicherseits stammten aus Italien und dem Ticino. Sie kamen vor dem Zweiten Weltkrieg in die Schweiz. Das heisst, bei «Italo-Schweizern» fühle ich meine Wurzeln: Humor, Leichtigkeit, aber auch das Bedürfnis nach Sicherheit.

Du bist in der Schweiz aufgewachsen, lebst aber seit vielen Jahren in Wien. Welche Bedeutung hat Heimat für Dich?

Der chilenische Ökonom Manfred Max-Neef nennt als menschliche Grundbedürfnisse «Selbsterhaltung, Schutz, Liebe, Verstehen, Teilhabe, Musse, kreatives Schaffen, Identität und Freiheit». Darin sehe ich Heimat. Heimat ist für mich an kein Gemäuer gebunden.

Die Debatte um Migration und unser Verhältnis zu Europa beschäftigt die Schweiz seit einer gefühlten Ewigkeit. Wie nimmt man das aus Distanz wahr?

Die Schweiz war immer ein Migrationsland. Darauf könnte man ja auch stolz sein! Wenn die Ressourcen knapper werden, muss man eben auch bei sich beginnen: mit der Frage: Was brauche ich? Kann ich auch mit weniger leben? Aber nur feindseliger werden, das ist keine sinnvolle Alternative.
Aus der Distanz gesehen, ist in der Schweiz alles durchreglementiert. Dürrenmatt nannte die Schweiz einmal ein Gefängnis, das man freiwillig betritt.

Gibt es wesentliche Unterschiede zur Debatte in Österreich?

Die Grundzüge sind die gleichen. Die Wahlen im Oktober werden von einem Rechtsrutsch gekennzeichnet sein. Als Nicht-EU Bürgerin, die seit 22 Jahren hier lebt, habe ich hier aber kein Wahlrecht.

Zum Film: youtu.be/3s84AbwcFYs
Zum Trailer: youtu.be/CXhhYoh8_rQ