Die diesjährige Challenge Europe von yes (Young european swiss) stand ganz im Zeichen von aktuellen Schwierigkeiten der Europäischen Union. Anders als in den letzten Jahren trat daher das Verhältnis der Schweiz mit der EU eher in den Hintergrund, um Problemen wie der Flüchtlingskrise, der anhaltenden Finanzkrise in Griechenland und aufkommenden Euroskeptizismus, wie z.B. in Großbritannien Platz zu geben. Dabei wurde mehr als je zuvor deutlich, was für grosse Herausforderungen Europa – und damit auch die Schweiz – in nächster Zukunft erwarten.

Die Feststellung, dass die Schweiz sich selbst in ihrer Bedeutung für die EU regelmässig überschätzt, ist für die Teilnehmer der Challenge Europe nichts Neues. Schon seit Jahren wird Teilnehmern auf der Reise nach Brüssel immer wieder klar gemacht, wie weit unten ihr Land auf der Traktandenliste steht. Dies ist auch durchaus verständlich, wenn man seine Aufmerksamkeit auf die vielen Krisenherde rund um das moderne Europa richtet. Militärische Konflikte in der Ukraine, Tote im Mittelmeer sowie das Wüten der Terrormiliz IS jenseits der Türkei erscheinen der EU und auch uns im Vergleich wichtiger als die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative. Die Spitzenpolitiker der europäischen Mitgliedsstaaten sitzen eben nicht tagtäglich in ihren Büros in Brüssel und zerbrechen sich den Kopf über den sogenannten „Sonderfall Schweiz“.

Was aber die Challenge Europe in diesem Jahr besonders ausmachte, war der verstärkte Fokus auf Probleme, welche Europa als Gesamtes betreffen und daher jegliche Dispute zwischen einzelnen Staaten schnell als kleinlich erscheinen lassen. Die Teilnehmer zeigten sich besonders betroffen von der Ohnmacht der EU gegenüber der zunehmenden Flüchtlingskrise. Es wird viel geredet, aber wenig umgesetzt, lautet eines der härtesten Urteile. Der Begriff „Solidarität“, welcher in aktuellen politischen Debatten stets in die Runde geworfen wird, erscheint umso unbedeutender, je weniger er tatsächlich angestrebt wird. Das Ringen der europäischen Staaten um einen Verteilschlüssel erscheint genauso entscheidend wie grundsätzlich bedeutungslos, denn der vor allem technische Disput um Detailfragen wirkt kleinlich angesichts des unsäglichen Leids. Viele waren sich während der Woche einig, dass keine rechtlichen Regelungen und keine Macht der Welt die hilfsbedürftigen Menschen von Europa fernhalten können. So werden politische Verhältnisse, Finanzkrisen und bilaterale Konstrukte sehr schnell irrelevant. Jeder Staat ist von solchen Krisen im Grundsatz gleich betroffen. Die Schweiz ist da keine Ausnahme.

Dabei wurden zunehmend viele an etwas erinnert, was vor lauter Debatte um die „Rettung des bilateralen Weges“ der letzten eineinhalb Jahre tendenziell vergessen ging – die hohe Bedeutung einer vollwertigen Mitgliedschaft in der Europäischen Union, vor allem mit Bezug auf Mitbestimmungskapazitäten. Oft wird (irrtümlicherweise) zelebriert, was für eine wichtige Stellung die Schweiz als Drittstaat für die Union habe, ohne dass dabei die potenziell hohe politische Relevanz unseres Staates bei einer tatsächlichen Mitgliedschaft in Betracht gezogen wird. Würden Anliegen der wohlhabenden und hoch entwickelten Schweiz auf der Traktandenliste der EU nicht weiter oben stehen, wenn sie den rechtlichen Anspruch auf Mitsprache besässe? Wäre die Schweiz nicht einer der zielstrebigsten und am meisten engagierten Länder in der Beseitigung vieler Defizite und Probleme innerhalb der EU? Wären wir nicht ein bedeutender Partner innerhalb eines Teams gleichberechtigter Staaten im Kampf gegen die aktuellen Krisen dieser Welt.
Diese und viele weiteren Fragen beschäftigten die engagierten Teilnehmer der Challenge Europe 2015 während ihrer Woche in Brüssel. Was auch immer man sich über aktuellen Krisen und mögliche Lösungen für Gedanken macht, eins steht fest – einfach wird es mit Sicherheit nicht.

Challenge 2015 Statements from stark + vernetzt on Vimeo.