1844 fliegen in München die Fetzen: 2000 Menschen stürmen auf die Strasse, schmeissen Fenster ein und zertrümmern Strassenlaternen. Denn der deutsche König Ludwig entscheidet, dass Bier künftig teurer sein soll. Auch in Frankreich verbrennt sich in diesem Jahr die Regierung die Finger, als sie in den Markt eingreift. Sie beschliesst, das Patentgesetz anzupassen. Von nun an schützt dieses nicht das Herstellungsverfahren, sondern das gesamte Produkt. Das nützt Renard Frères aus, der sich das Patent für sein künstlich hergestelltes Rot unter den Nagel reisst. Fortan ist es keinem Chemiker in Frankreich mehr gestattet, an diesem Farbstoff zu tüfteln – und so verlassen zahlreiche findige Chemiker Frankreich und ziehen in die Schweiz oder nach Deutschland, um dort an den Anilinfarben zu forschen. So abwegig wie es heute klingen mag: Im 19. Jahrhundert gibt es in der Schweiz kein Patentgesetz.

In Frankreich sprechen Zeitungen von einer «expatriation générale». Ein Franzose, der ebenfalls von Lyon nach Basel umzieht, ist Alexandre Clavel. Er übernimmt dort eine Seidenfärberei, die er dann verkauft und die später in CIBA umbenannt wird. Zwei gewichtige Fusionen und fast hundert Jahre später entsteht daraus Novartis. In der Zwischenzeit besitzt auch die Schweiz ein Patentgesetz und ist zu einem der innovativsten Länder emporgestiegen, niemand reicht jährlich so viele Patente pro Kopf ein wie die Schweizer. Auch heute bleibt die Schweizer Chemie- und Pharmaindustrie mit dem Nachbarn Frankreich in vielerlei Hinsicht eng verknüpft: So verfügt Novartis nicht nur über zahlreiche Zulieferer in Frankreich, auch die Park- und Sportplätze vom Hauptsitz in Basel stehen auf französischem Boden.