Ich blättere hie und da gerne in älteren Büchern aus meiner Bibliothek und lasse mich anregen – gerade auch von Autoren, die zu ihrer Zeit etwas zu sagen hatten. Irgendwie erhalte ich dadurch einen Blick von dritter Seite, befreit von aktueller Hektik der Tagespolitik oder der zunehmenden medialen Sensationslust.

Friedrich Dürrenmatt lebte zwar noch in einer anderen Weltordnung, aber seine Betrachtungen zur Schweiz sind auch heute noch so aktuell wie damals.

Die Schweiz sei fast so klein, wie man sie sich vorstellt, und bedeutend grösser als man denkt, schreibt er 1970 in «Sätze aus Amerika». Und 1971 im «Bericht über zwei Miniaturen» fährt er fort, dass sie, mit blossem Auge betrachtet, eine Idylle sei, aber unter der Lupe in eine Vielfalt von sich widersprechenden Bildern, die keine Einheit mehr ergäben, zerfalle. Die Schweiz sei eine Mischung, die darum nicht auseinanderfiel, weil sie jahrhundertelang von Grossmächten umgeben war – sie entstand unter Druck. Ein Grund, der heute nicht mehr gegeben sei, so Dürrenmatt.

In «Dramaturgie der Schweiz» 1968/70 hält Dürrenmatt fest, dass die Schweiz, die nicht mehr imstande sei, sich einen neuen Sinn zu geben, sich selbst auflöse, weil ihre alte Aufgabe in einem veränderten Europa weitgehend ihren Sinn verloren habe.

Wie recht doch Dürrenmatt immer noch hat. Eine gedeihliche, zukunftsgerichtete und entkrampfte Beziehung zu Europa kann sich dann entwickeln, wenn die Schweiz sich selbst über ihre eigene Rolle, über die Sinnhaftigkeit, oder wie man heute auch neudeutsch sagen könnte, über ihre Mission (nicht missionierend gemeint) im Klaren ist. Und daran hapert es momentan.

Wir wissen – zumindest scheinbar – was wir nicht wollen: Masseneinwanderung, Zersiedelung, Wohlstandsabbau. Wir wissen aber eigentlich gar nicht, was wir als Land wollen, wie wir unseren Platz in Europa als Land im geographischen Herzen Europas liegend, wirklich gestalten und leben wollen. Als Unternehmer wünsche ich mir, dass wir unserer Rolle als souveränes und erfolgreiches Land bewusst werden, als Land aber auch, das so stark mit Europa vernetzt ist, wie kaum ein anderes auf dieser Welt.

Die aktuelle Diskussion zu Europa gibt die Möglichkeit und bietet die Chance, einen breit angelegten Dialog, alle Bevölkerungsschichten und Altersgruppen berücksichtigend, zu führen. Dabei wird offenkundig, dass die Politik kaum in der Lage ist, wirklich substantielle Beiträge zu leisten. Die Wahlen in rund einer Woche sind nicht alleine der Grund dafür. Es fehlt auch an einer übergreifenden Dialogkultur, die Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, Kultur und Sport gleichermassen erfasst.

Deshalb ist es an uns allen, Verbänden, Think Tanks, Parteien und auch zivilgesellschaftlichen Organisationen, hierzu Beiträge zu liefern. Als Initiant vom http://www.strategiedialog21.ch (SD21) beteilige ich mich gerne an dieser Diskussion. Am liebsten direkt und persönlich, so wie gerade kürzlich an unserem hochkarätigen Anlass (http://goo.gl/1FSjNX), wo in Bern angeregt über die Rolle der Schweiz in Europa debattiert wurde. Mit dem SD21 erarbeiten wir aber auch fundierte Expertisen und Basisfakten. So haben wir beispielsweise die Medienlandschaft hinsichtlich dem Thema Europa genauer angeschaut. Was sagen die Parteien? Was wird in der Öffentlichkeit diskutiert?  Unsere Online-Analyse (http://bit.ly/1GEjopv) zeigt Interessantes. Was ist Ihre Meinung? Wie soll die Beziehung Schweiz-Europa in Zukunft aussehen? Sagen Sie es mir unter info@strategiedialog21.ch.