Weg aus dem heimatlichen Gehege! Auslanderfahrungen sammeln! Für viele von uns hatte dieser Drang nach der Ferne einen Namen: London.  

Es war an einem Herbsttag des Jahres 1958, als meine kuriose Englandgeschichte begann. Ich war ein  blutjunger Bursche und hatte im elterlichen Garten gelegentlich kleine Dienste zu leisten. Diesmal war ich gerade dabei, die abgeschnittenen Rhabarberblätter auf dem Kompost schichtweise auszubreiten, als der leicht ergraute Nachbar, Herr Gersbach, sich auf der anderen Seite des Gartenhags zu mir gesellte. «Soso, du gehst nach England?» wollte er wissen. «Ja, das übliche Programm, zuerst Schule, dann Job»,  gab ich über den Zaun zurück. Darauf blieb Herr Gersbach eine Weile still, runzelte die Stirn und sprach mit gepresster Stimme: «Pass de uf!»

Meine Gitarre war auch dabei als ich in London eintraf, und bald lernte ich im «Swiss Mercantile College» Hans kennen, einen Klarinettisten, der mit meinen Begleitakkorden etwas anfangen konnte. Und obwohl noch ein paar Töne daneben gingen, reichte es für ein Ständchen an der Diplomfeier. Darauf landeten wir beide in der englischen Arbeitswelt, ich bei einem Vermittler für Zeitungsabos und Hans (im Glück) bei MOTTA, dem berühmten Fine Food-Importeur.

Hans wohnte in einer dunklen Londoner Kellerwohnung, in welcher wir das Zusammenspiel von Klarinette und Gitarre übten und Spaghetti assen. Ich suchte gerade den Büchsenöffner für die Sugo-Sauce, als Hans verkündete: «Mr. MOTTA will das 80 jährige Jubiläum seiner Firma mit einem Ausflug auf der Themse begehen. In den letzten fünf Jahren – seit dem Ende der Kriegsrationierung – ist das Fine Food-Geschäft wieder gross im Kommen, Grund genug, um zu feiern. Sei mein Gast und Gitarrist.»

Die ganze MOTTA-Crew kam, sicher 100 Leute. Ein wolkenloser Londoner Himmel inspirierte Hans zu feinstem Benny Goodman, und ich swingte dazu so gut es ging. Musizierend bewegten wir uns kreuz und quer durch die Gästeschar und verwandelten todernste Bürolisten in fröhliche Menschen. Heute, 60 Jahre später, erinnere ich mich noch an viele Einzelheiten meiner langen Londoner Zeit; aber kein Ereignis bleibt mir so deutlich vor Augen wie dieser Ausflug auf der Themse.  

War es Zufall, dass ich etliche Jahre später bei der Aargauer Firma SUGO AG eine Stelle antrat? Und dass an meinem ersten Arbeitstag ein Brief von Hans H., Managing Director, MOTTA London, auf meinem Pult lag? «Hans ist jetzt mit der MOTTA-Familie durch Heirat liiert», wusste einer im Büro.  

Grossbritannien, damals EFTA-Land wie die Schweiz, war unser wichtigster Auslandkunde.  Die Nachfrage auf der Insel galt unseren Ravioli, der Sugo-Sauce und dem Swiss Black Cherry Jam. MOTTA rief alle 3 Wochen an: «Wir brauchen wieder einen Lastenzug.»

So um 1969 hatte ich mich mit meiner jungen Familie im Aargauer Städtchen gut eingelebt. Auch mit der Arbeit konnte ich zufrieden sein: Für meine zukünftigen Aufgaben wurde ich sogar mit der Bezeichnung «Assistant Export Manager» ausgestattet. So reiste ich nach langer Abwesenheit – dieses Mal beruflich – wieder nach London, neugierig,  zu sehen, wie sich meine alte Wahlheimat verändert hatte. In Heathrow wurde ich vom Account Manager Mottas empfangen. Er sei für die Ladenkette Selfridges zuständig, und wir würden nun eine Schweizer Werbewoche besichtigen. Zuerst aber sei jetzt Zeit fürs Pub, «for a bite», wie er sagte. Zusammen vertilgten wir dann von jenen dreieckigen Sandwiches, welche schon zu meiner früheren Londoner Zeit den Übernamen «Blotting Paper» (Löschpapier) trugen.  Ihnen kam man am besten bei, wenn man sie mit warmem Bier hinunter spülte.

Der «Delikatessen Manager» des grossen Selfridges sorgte blitzschnell für eine bessere Stimmung. Er führte uns zum «Point of Sale», wo sorgfältig gekleidete Degustations-Ladies Swiss Black Cherry Jam auf frisch gebackene Brötchen strichen. «Ja, es läuft etwas im oberen Segment», kommentierte der Selfridge-Mann mit lachendem Gesicht. Schon auf dem Rückflug war ich voller Ideen für den neu entdeckten englischen Gourmet-Markt.  

1973 kam jedoch das Aus für England- Projekte. Grossbritannien hatte die EFTA verlassen und trat der EWG bei. Hans und andere englische Geschäftsfreunde rückten weit weg von uns, und das United Kingdom verschwand von unserer Landkarte. Nicht nur wir, sondern auch die Fricktaler Kirschenbauern beklagten den empfindlichen Umsatzverlust. Ein Brexit für uns alle, leider…

Weitere Jahre später rief mich die betagte Witwe Gersbach mit einem sonderbaren Anliegen an: Bei ihr wohne vorübergehend ein Gast aus England, sie brauche mich als Dolmetscher. «Und wer ist dieser Zimmerherr?», wollte ich von Frau Gersbach wissen.
   
«Ich stelle vor, Mr. Andrew Gersbach, den englischen Sohn meines Mannes. Er begleitet mich morgen aufs Oberamt wegen Erbsachen.» Andrew glich seinem Vater wie ein Ei dem anderen, und auf seinem Gesicht stand geschrieben: «Very pleased!»

Heinz Gerber
eidg. dipl. Exportleiter