Die Bundespolizei fedpol steuert die nationale und internationale Polizeikooperation in der Schweiz. Sie ist auch zuständig für die Weiterentwicklung der Schengen-Zusammenarbeit der Schweizer Polizei. Diese Zusammenarbeit steht bei einem Nein zu den Neuerungen im Waffenrecht am 19. Mai auf dem Spiel. fedpol-Direktorin Nicoletta della Valle zur Bedeutung von Schengen für die Polizei in der Schweiz.

- 2005 hat die Schweiz in einer Volksabstimmung den Schengen-Beitritt beschlossen. Inwiefern profitiert unser Land im Bereich Sicherheit von diesem Abkommen?

Schengen hat die Polizeizusammenarbeit in Europa revolutioniert. Die Fahndungstreffer, die über Schengener Informationssystem erfolgen, sprechen eine deutliche Sprache. 2018 erfolgten rund 19’000 Treffer in der Schweiz zu ausländischen Ausschreibungen und im Ausland zu Schweizer Ausschreibungen. Seit der Einführung in der Schweiz führte das Schengener Informationssystem (SIS) zu über 4000 Verhaftungen und fast 4000 Vermisste konnten wiedergefunden werden. Internationale Fahndungserfolge waren früher selten, heute sind sie in Europa Alltag.

- Können Sie uns ein konkretes Beispiel einer Fahndungssituation geben, bei der das SIS zum Einsatz kommt?

Bei zwei bis drei Treffern pro Stunde gibt es zahlreiche Beispiele. Ein Fall ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Im Kanton Aargau streitet sich ein Paar um das Sorgerecht. Eines Abends verlässt der Vater mit den Kindern die Wohnung und droht, nicht mehr zurück zu kommen. Die Mutter alarmiert die Kantonspolizei, welche Vater und Kinder im SIS ausschreibt. 12 Stunden später wird der Vater am Flughafen München verhaftet, als er mit den Kindern nach Kanada will. Das Beispiel zeigt eindrücklich, wie schnell und effizient die Fahndung im Schengen-Raum geworden ist. Vor Schengen nahm die Verbreitung der Information viel mehr Zeit in Anspruch, da sie an jedes Land einzeln verschickt werden musste. Dass die Informationen rechtzeitig bis zur richtigen Stelle an der Front gelangen, ist ohne ein leistungsfähiges System wie es das SIS heute ist, sehr unwahrscheinlich. Der Vater wäre mit seinen Kindern abgeflogen.

- Wie würde sich die Arbeit der Schweizer Polizei verändern, wenn diese bei einem Wegfall von Schengen keinen Zugriff mehr auf diese Fahndungsdatenbank hätte?

Der Neuenburger Polizeikommandant bezeichnete ein solches Szenario kürzlich als «Albtraum». Ich sage immer, ohne Schengen wäre die Schweizer Polizei bildlich gesprochen blind und taub. Wir wären ausgeschlossen aus dem gemeinsamen europäischen Fahndungsraum, der vom Nordkap bis Sizilien reicht. Die Schweiz im Herzen von Europa ist keine Insel. Die Schweizer Polizei müsste den Wegfall von Schengen mit teuren Massnahmen abfedern, ohne damit aber den Verlust gänzlich wett machen zu können. Das hätte Auswirkungen auf unser Sicherheitsniveau. Und ein Wegfall hätte ja nicht nur einschneidende Folgen für die Sicherheit. Auch unser Asylwesen, der Tourismus und damit die Volkswirtschaft als Ganzes profitieren davon, dass wir diese bilaterale Zusammenarbeit mit den europäischen Ländern im Schengen- und Dublin-Raum haben.